You are here: Planet Neuperlach / Reaktionen, Presse
16.12.2018 : 7:09 : +0100

Presseinformationen


Kritik Lilly von Wrangel, kopiert von carlansberg.wordpress.com

Agitprop im Neubauviertel. Uraufführung von „Planet Neuperlach“ von Andrea Funk

Die Neuperlacher mischen sich ein und benehmen sich fast so links wie ihre Strassennamen, im übertragenen Sinn natürlich: in Andrea Funks Gesellschaftsparabel übernehmen sie ihren Stadtteil, vor allem die Kontrolle über die Finanzen. In basisdemokratischer Weise sollen diese umverteilt werden und jeder muss was aus seinem Leben machen – das Amt für Persönlichkeitsentwicklung hilft ihr/ihm dabei. Es gibt sogar ein Ausweisdokument, der Bürgerschein (der findet sich als echte Scheckkarte im vielversprechenden Programmbuch „NeuperlachFirst“).

Am Anfang spielen alle die grüne Wiese, das Idyll draussen vor der Stadt und vor 1967, dann gehts furios los. Der lustvoll skandierende Chor (Ruth Dapper, Blair Gaulton, Mirjam Luttenberger, Evelyne Marie-Börner, Birgit Oswald, Jonas Schlemme, Rudolf Schöler, Sylvia Stockhammer) deklamiert euphorisch das Bürgerlied der Neuperlacher und macht dann Platz für die Vollversammlung, die von dem Mazedonier Goran (herrlich kauzig und zurückgenommen: Christian Buse) geleitet wird. Seine Frau ist Bertha, gespielt von Judith Riehl. In der Versammlung werden die Weichen neu gestellt für die Neuperlacher Bürger, „jeder, der hier lebt, verdient meinen Respekt“ ist das Motto. Optimismus und Aufbau. Von außen neu rein kommt ein Egbert aus Chemnitz (gespielt von Benjamin Hirt) – ein Wirtschaftsflüchtling, der nur eine Wohnung sucht. Egbert versteht anfangs nicht, daß er aktiv mit den Neuperlachern reden und leben muß, sonst wird er nicht (an-)genommen. Ezra, gespielt von Christine Adler verkörpert gleich mehrere Rollen, die das Bürger-Kaleidoskop von Neuperlach wiederspiegeln. Die zentrale Figur ist jedoch Lenka, eine „integrierte Tschechin“ wie sie selbst sagt (zart und anrührend gespielt von Bente Lay), die ihre Tochter Tatiana an den Islam und ihre Lust an der politischen Aktion während des Abends verlieren wird. Die Jugend, schon halb im Spielhallensumpf verkommen, mag nicht bei diesen biederen Revoluzzern mitmachen, sie entziehen sich der sozialen Kontrolle und setzen auf Konfrontation (Tatjana: Olivia Szpetkowska, Hoger: Alexander Wertmann, John: Leonard Rosemann).

Regisseur Joachim Goller hält sich nicht mit der biografischen und emotionalen Entwicklung der Charaktere auf und stürzt das Ensemble gleich rein ins Getümmel. Auf der einfachen, hellen, reduzierten Bühne (Ausstattung Mirjam Falkensteiner) geht es schnell hin zum ersten Plenum, das ist handwerklich gut gearbeitet und die Schauspieler fühlen sich sichtlich wohl in diesen dialogbasierenden Phasen. Die späteren Bürgerversammlungen werden mit Musik unterlegt und blau bestrahlt nur noch pantomimisch abgehandelt werden. Dieses Motiv wiederholt sich und die Stimmung wird immer aggressiver. Und genau hier beginnen die Probleme mit dem Spannungsbogen: Die zart aufkeimende Liebesgeschichte zwischen der störrischen Tatiana und dem aufrichtigen Hoger kann man nur ahnen. Bertha wird allein gelassen mit ihren Selbstzweifeln „bin ich jetzt ein Rassist“? fragt sie ins Leere. Man vermisst das Spielen mit der Utopie, mit dem Politischen, wie es in einer Begleitaktion des Kollektivs Urban Stilz vor dem Eingang geschah (Bürgerschwur, KommerzTrapez statt KunstQuadrat). Alles verliert Kontur, wird eindimensional plakativ.

Im zweiten Teil geht dann alles sehr schnell: Agitprop und Aufmarsch, Aggression und Selbsterniedrigung. Holzschnitthaft wird Lokalkolorit geheuchelt, wo doch leider alles brödlerisch ins Depressive trudelt. Die Utopie geht kaputt und keiner weiß warum? Der Optimismus stirbt im Stimmengewirr, das Außen in Form von Ordnungsmacht bricht ein und bringt alles zu einem katastrophalen Ende. Schade, daß der Funken Hoffnung so ganz ausgetreten wird. Perspektive „was solls“? Zum Schluß aber viel Applaus für die engagierten Darsteller und das Regieteam. Hut ab vor Kulturbunt Neuperlach e.V und Bahar Auer, die diese riesige Produktion ermöglicht und gestemmt hat.

18.5.17, Lilly von Wrangel auf carlansberg.wordpress.com

 

 

Vorankündigung "Südeutsche Zeitung" vom 16.Mai 2017

Bürgerchor aus Planet Neuperlach (von links): Evelyne Marie-Börne, Blair Gaulton, Christian Buse, Ruth Dapper, Bente Lay